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Theodor Heuss "Erinnerungen 1905 - 1933"
(Copyright 1963 by Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins Tübingen; Kapitel: Am Rande der Literatur, ab Seite 90)
" ... Lissauer, nur zwei Jahre älter als ich, hatte die Möglichkeiten seines Werkes noch vor sich; das freundliche Schicksal brachte mich zu einem Mann, der es im wesentlichen bereits hinter sich hatte, aber auf dem Weg zu einem Ruhm war, dessen stilles Erbleichen er noch mit wehem Gefühl erlebte. Ernst Jäckh, der vor seiner Heilbronner Zeit durch die Stuttgarter Zeitschrift "Schwabenspiegel" ein stützendes Organ für die Tradition, ein förderndes für das junge Werden der Heimat geschaffen hatte, führte mich bei Cäsar Flaischlen ein. Wahrscheinlich hatte ich nicht bloß von den nicht endenden Treppen ein leichtes Herzklopfen, als ich, Sommer 1905, in der Kurfürstenstraße Nr. 44, fünftes Stockwerk, an der Tür einer ausgebauten Dachwohnung klingelte. Denn der Mann stand schon in den neueren Literaturgeschichten verzeichnet, in der Gegend der naturalistischen Dramatiker; ich hatte einen "Roman" von ihm gelesen, in dem zwar fast nichts passierte, der aber eine eigenwillige Technik des lyrischen Prosavortrages aufwies, und zudem wußte ich, daß er der Leiter des "Pan" gewesen, jener Monatsschrift, da sich zum ersten Male das neue graphische Wollen mit der Programmatik einer neuen Dichtung einte. Er hatte als einziger Schwabe sich in den Literaturtrubel der Berliner neunziger Jahre begeben und darin einigermaßen behauptet - das schien mir nicht unwichtig. Württemberg sollte ja doch nicht bloß von der rühmlichen Statistik seiner Vergangenheit leben. (Ein schönes Buch von einem offenbar noch jungen Mann namens Hesse hatte ein Jahr zuvor Aussicht auf neue Erprobung gegeben - Isole Kurz in Florenz war damals für mich noch kaum mehr als die Tochter des Mannes, der die herrlichen "Beiden Tubus" geschrieben hatte und als Redakteur des demokratischen "Beobachter" vor einem halben Jahrhundert offenbar so etwas wie "Parteifreund" gewesen war.)
Flaischlens Herzlichkeit hat für den einundzwanzigjährigen Jüngling menschlich viel bedeutet. Ich würde mir unsauber vorkommen, wollte ich im Rückblick den Wert dieser Freundschaft mindern, weil die Grenzen seiner Begabung nicht verborgen bleiben konnten. Ein mittelgroßer bärtiger Mann erwartete mich in dem Hausflur, der dicht mit Büchern umwandet war; er wirkte, leicht angegraut und mit durchfurchtem Antlitz, älter, als er war; der metallgeränderte Zwicker besaß die Neigung, beim lebhaften Gespräch herunterzufallen, und gewöhnte sie sich nie ab; es wurde mit umständlicher Feierlichkeit ein Kaffee gebraut, fast als ob Flaischlen einmal Insasse des Tübinger Stifts gewesen wäre, wo nach meinen Beobachtungen die (wechselnden) Konstruktionen einer Kaffeemaschine bei den jungen Theologen eine ähnliche Rolle gespielt haben wie die (wechselnde) Interpretation einer dogmatischen These - hier war Heimat! Die paar Räume des damaligen Junggesellenhaushaltes boten den Anblick eines wunderbar durchorganisierten Chaos - als Flaischlen nach Jahren heiratete und sich dabei auch wohntechnisch "verbesserte", ging die Aura seiner Umwelt auf Wanderung. Die graphischen Stücke aus der "Pan"-Zeit, die die Wände zierten, Blätter von Behrens, Orlik, Kalckreuth und anderen, hingen zwar noch da, aber...
Es hat nicht sehr lange gedauert, bis Flaischlen dem viel Jüngeren das brüderliche "Du" anbot, was mich sehr rührte - wahrscheinlich wurde ich für ihn auch zu einem Stück Heimat, wo die so geliebte Familie saß. Ich merkte bald, daß er eigentlich einsam war; vermutlich hatte man ihn um die Leitung des "Pan" gebeten, weil er nicht bloß in der technischen Arbeit gebildet war - welches Vergnügen für ihn, wenn er mit etwas philologischer Pedanterie alte Geschichten ausgraben und erklären konnte. Sein Freundeskreis war begrenzt; er traf sich bei einem harmlosen Getränk, das sein Verfasser für eine Bowle ausgab - ein Baurat war dabei, der Gedichte machte und Essays schrieb, ein Bildhauer, der in Wachs arbeitete und versicherte, daß Wilhelm von Bode mit dem Ankauf der "Flora" einem Fälscher aufgesessen sei - ich habe die Namen vergessen, aber eine nette Erinnerung behalten an die leicht sächselnde Liebenswürdigkeit von Walter Harlan, der durch einige fest gebaute Theaterstücke einen kleinen Ruhm gewonnen hatte; er trug ihn mit freundlicher Anspruchslosigkeit.
Daß Flaischlen, dessen frühe Arbeiten, zumal seine Dramen, wenig Beachtung gefunden hatten, schier plötzlich mit seinen Versen und seiner leicht skandierenden Prosa zu starken Auflagen kam, ist, wie mir scheint, eine Begleiterscheinung der "Jugendbewegung" gewesen, sobald diese über den gesellschaftskritischen Elan ihres Beginns hinausgewachsen war: hier fand sie die Verbindung von etwas Naturpoesie, die freilich nicht ursprünglich war, mit einem menschlich echten moralisierenden Pathos.
Die fünf Stiegen der Kurfürstenstraße führten also nicht in den Berliner Literaturhimmel, falls es den überhaupt gab - sie endeten im württembergischen Bereich. Ich habe damals einige Aufsätze über Flaischlen geschrieben; vielleicht wurden sie oder Jäckhs Vorschlag die Veranlassung, daß ein Heilbronner Verleger, mein späterer Freund Eugen Salzer, mich bat, für einen von ihm geplanten Band die Einführung zu schreiben. Ich werde gewiß nicht in der Rückschau einen Katalog der eigenen Arbeiten anlegen, aber ich erwähne diesen Vorgang, weil er das Vorspiel zu einer Reihe von menschlichen Beziehungen geworden ist und langehin meine einzige Äußerung zu dichterischen Erzeugnissen blieb, die es bis zur "Buchform" gebracht hat. Zur Mitarbeit waren außer Flaischlen eingeladen Hesse, Finckh, Schussen, Lilienfein, Anna Schieber, Auguste Supper - das waren in den letzten fünf, acht Jahren neue Namen geworden. Ich habe sie alle später persönlich kennengelernt. Es hat mir etwas geschmeichelt, daß ich, jünger als die Angesprochenen, mich auf den Kutschbock setzen und dieses ungleich bespannte Gefährt in das gemeindeutsche Bewußtsein lenken sollte. Der Aufsatz hieß: "Vom jungen Schwaben " - es war wohl, wie ich mich entsinne, ziemlich viel von dem, was man eben gegonnen hatte Soziologie zu nennen, hineingestopft; ein Freund meinte, man spüre, daß ich von der Nationalökonomie komme. Mit der Scheu, die man vor Jugendsünden hat, vermied ich es bis heute, die Arbeit wieder in die Hand zu nehmen - es war überrschend und nett, daß Hermann Hesse 1951 bei einem Besuch in Montagnola zu erzählen begann, daß er sich den Band, der unsere erste Berührung brachte, vor einiger Zeit antiquarisch beschafft habe und meine Einführung für "eigentlich recht gescheit und interessant" erklärte. Da Hesse ein sehr schwaches Talent zu konventionellen Sprüchen besaß, war dies Wort beruhigend. Ich bin später, wenn auch nicht auf einem hohen Bock mit Peitsche und Zügel, mit "Hott" und "Brr" in einem anderen Wagen oft zu den "alten" Schwaben gefahren; ich wollte ihnen danken und wurde meist der neu Beschenkte " ...
Theodor Heuss
Vor der Bücherwand
Skizzen zu Dichtern und Dichtung
Herausgegeben von Friedrich Kaufmann und Hermann Leins
Rainer Wunderlich Verlag, Hermann Leins, Tübingen 1961 (S. 230 - 233)
CÄSAR FLAISCHLEN (1920)
Als mich ein schwäbischer Freund, aus fünfjähriger Gefangenschaft in Sibirien zurückgekehrt, besuchte, fragte er mich nach der Adresse von Flaischlen. Er wollte ihm danken. Aus der Erzählung ergab sich, daß neben Hesse wohl Flaischlens Bücher in der Bibliothek des Lagers am gesuchtesten waren. Der mir 's berichtete, wurde dabei warm. Flaischlens Lebensbejahung sei ihnen manchmal ein Stück seelischer Rettung gewesen.
Flaischlen hat diesen Besuch, der ihn gefreut hätte, nicht mehr empfangen. Seit ein paar Jahren lebte er die Sommermonate im württembergischen Franken; man hatte ihm in dem alten, unbewohnten und lange genug ungepflegten Hohenloher Schloß zu Ingelfingen ein paar Stuben gelassen. In der Heimat hat ihn jetzt der Tod überfallen, und dort fand er die letzte Stätte. In den Nachrufen, die ihm folgten, ist das Schwäbische seines Wesens stark unterstrichen worden, und um seines Menschentums habhaft zu werden, braucht man es wohl. Aber durch Jahrzehnte war sein Verhältnis zu dieser Heimat ziemlich problematisch gewesen, von beiden Seiten aus; denn er erschien, das schwäbische Epigonentum durchbrechend, zu Hause einigermaßen als fahnenflüchtig, während er selber sehr bewußt in Berlin sich geistig festsiedelte und für das engere Vaterland, vor allem auch gegen dessen Selbstgerechtigkeit, allerhand Skepsis zur Verfügung hatte. Sein Ruhm, seine "Gemeinde" sind nicht in Schwaben gewachsen. Erst in späteren Jahren ist etwas wie Heimweh bei ihm erwacht. Er fuhr nicht mehr wie sonst in den Sommerwochen an die vertrauten Stellen der Ostsee, sondern entdeckte die Hügel und Städtchen, aus deren Umzirkung er selber frühe fortgegangen.
Er wurde der Dichter der Gefangenen, die ihre Sehnsucht nach Freiheit nicht verderben lassen wollten. Er war der Dichter des deutschen Volkes geworden, das Leid trug, und dieser Weg war fast "hehlingen" gefunden worden, ganz in der Stille, ohne Reklame, ohne Cliquentum. Während des Krieges wuchsen und wuchsen die Auflagen seiner Bücher; aber niemand wird von einem "Publikumserfolg" sprechen dürfen, denn das geschah ohne alle Sensation, nachdem der Anfang zögernd genug gewesen. Woran lag das? Offenbar, daß das Werk sein bester Werber war. Flaischlen hatte niemals einen Mode-Erfolg, seine Bücher mußte man nicht gelesen haben, aber die sie lasen, hatten in ihnen etwas gefunden, was ihnen zum Besitz wurde. Und das waren nicht nur die jungen Mädchen und Burschen, die schwärmend einem idealistischen Prediger folgten oder an der Grazie kleiner lyrischer Stücke sich entzückten, sondern auch "gestandene" Menschen, die von dem männlichen Lebensernst des Dichters berührt wurden.
Von dem heiteren Glanz und reinen Rhythmus, der den besten lyrischen Arbeiten Flaischlens eigentümlich ist, möchte man vielleicht auf eine Persönlichkeit froher und sonniger Art schließen. Aber Flaischlens Gesicht war nicht zufällig ganz von tiefen Furchen durchzogen. Er hatte Humore, ein kurzes, vergnügtes Lachen, aber er war alles andere als eine das Leben mit kecker Sicherheit meisternde Natur. Schwerblütig, zäh, knorrig in seinem Wesen, im Innersten weich; gütig und besorgt, treu auch in den kleinen Dingen. Seine Heimat gab ihm den didaktischen Zug mit, der von Pedanterie nicht frei war; dies geht durch seine ganze Arbeit: das Bekennermäßige, das Menschen führen will, und das künstlerisch Gelöste, das sie befreien soll.
Die Gleichsetzung von Dichtertum und Menschentum war für ihn eine entscheidende Parole. Das isolierte ihn in einer Zeit, da die Kunst theoretisch als Selbstzweck erklärt wurde. Eine jüngste Generation schleudert der reinen Kunst wieder ihre Invektiven an den Kopf und hat sich durchaus aufs Bekennerische gestellt. Aber sie wird wahrscheinlich die Linie zu diesem Mann nicht finden können und wollen. Denn der Kreis des Erlebens ist anders geworden.
Der Umfang des Erlebens bei Flaischlen, auch der Sprachschatz, ist nicht sehr groß. Bindet man ihn an die Tradition seiner Heimat, so weiß man, daß die schwäbische Dichtung in all ihrer Größe, mit wenigen Ausnahmen, unsinnlich ist; sie zielt ins Abstrakte. Das gilt auch für Flaischlens Gesamthaltung. Daneben liegt das bildhaft Gesehene und rhythmisch Gestaltete seiner Idyllen; in ihnen ist mit vorsichtig wägendem Kunstverstand alles an Ausdruck, an "Stimmung" herausgeholt, was möglich war. Jene "Gedichte in Prosa" sind keine verschwenderischen Polymeter aus Jean Pauls Überlieferung, sondern sehr sorgsam, bis zur wechselnden Interpunktion und dem Bild des gedruckten Satzes überdachte Schöpfungen. Hier war Flaischlen ein Kleinkünstler der Sprache von großer Reizsamkeit, eigenwilliger und darum auch geschlossener als bei manchen seiner Verse.
In seiner Anfangszeit liegen einige Dramen, Thesenstücke, zeitlich gebunden. Er sprach manchmal von dramatischen Plänen, die Atmosphäre des Vormärz beschäftigte ihn zeitenweise; ob er zu Entwürfen oder über solche hinauskam, weiß ich nicht. Er hatte in den Jahren vor dem Krieg seine ganze Arbeitskraft auf ein umfangreiches Sammelwerk geworfen: es sollte eine von ihm bestimmte und mit charakterisierenden Einleitungen versehene Auswahl der deutschen Literatur werden, eine "Bibel der deutschen Dichtung". Das Unterfangen fraß seine ganze Kraft, denn alle Gewissenhaftigkeit des "gelernten" Philologen, Textvergleiche, Quellennachweise, war dabei aktiv geworden. Er glaubte, das Ende der Riesenarbeit zu sehen, da kam der Krieg, und in ihm wurde die Verwirklichung zerschlagen.
Flaischlen ging aus von dem Friedrichshagener Kreis, der einmal die deutsche Dichtung revolutionieren wollte. Er hat dann durch schwierige Jahre hindurch den "Pan" geleitet und damit innerhalb der deutschen Welt den ersten Typus einer repräsentativen Kunstzeitschrift geschaffen; man soll dies Aktivum seines Werkes nicht vergessen. Aber er ist innerhalb des Berliner Treibens nie in Koterien untergegangen. Lange Jahre hauste er in seinem "Turm", einer unwahrscheinlich hochgelegenen Wohnung, einsam und behaglich zwischen seinen Büchern und vielen guten Bildern. Unten toste die Stadt, oben war ein ferner Nachhall. Der breite Horizont ging über die Dächer. Das war seine Burg.
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