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August Lämmle
"Greif zu mein Herz!"


August Lämmle(Copyright 1956 by Verlagshaus Reutlingen Oertel & Spoerer;
Seite 29 bis 34)


" ... Sieben Schwaben

Auguste Supper, Anna Schieber, Hermann Hesse, Wilhelm Schussen, Heinrich Lilienfein, Cäsar Flaischlen, Ludwig Finckh sind die "Sieben Schwaben", für die Theodor Heuß 1909 im Verlag seines Freundes Eugen Salzer in Heilbronn sein Dichterbuch herausgab.
Das Buch war wichtig. Es war ein Bekenntnis des Herausgebers und unseres Volkstums. Man muß die Geschichte der neuen schwäbischen Literatur mit diesem Buche beginnen, mit diesen kernhaften, durch und durch bodenständigen und doch welt- und zeithaften Menschen. Sie gehören zum Beginn des neuen Jahrhunderts, und sie sind die schwäbischen Variationen der deutschen Literatur.

Fast gleichzeitig und unerwartet kamen sie und aus Ständen, die mit der Brunnenstube schwäbischer Dichtkunst und Philosophie, dem Tübinger Stift, nur mittelbar zu tun hatten.
Sie wußten nichts voneinander - sie hatten keine gemeinsame Schule, keine gemeinsamen Arbeitsgebiete, kein gemeinsames Bekenntnis. Sie erwuchsen alle ihrem Heimatboden und suchten von da den Weg zu ihrem Stern. Und sie waren alle erfüllt von jener keuschen Demut und jener unbedingten Entschlossenheit, mit der auch Schiller und Uhland ihren Weg begonnen hatten.

Die Zeit war erfüllet. Das schwäbische Volkstum brachte wieder Dichter hervor. Noch zur Lebenszeit Mörikes war Schwaben ins Hintertreffen geraten. Die großen militärischen und politischen Ereignisse und Bismarcks überragende Gestalt standen im Vordergrund und im Mittelpunkt aller deutschen Wertung und Besinnung. So war es selbstverständlich, daß Berlin auch zum Mittelpunkt musischer Leistungen aller Art wurde. überragende Persönlichkeiten finden immer Nachfolge und Nachfolger auf allen Gebieten des praktischen und des geistigen Lebens.
Auch an dem großen wirtschaftlichen Aufschwung nach 1871 war unser Land zunächst nicht beteiligt. Wir hatten nicht die Möglichkeit der Auswertung von Bodenschätzen und Handelsgeschäften. - Es dauerte schier 30 Jahre, bis es uns gelang, "die schwächere Seite zu der stärkeren zu machen". Um die Jahrhundertwende kamen dann die Bosch, Daimler, Gminder, Hohner, Junghans, Voith (um nur die größten zu nennen) in Schwung - die schwäbische Veredlungsindustrie hatte begonnen und gewann den Markt. Und nun waren auch die Dichter da.

Von den Sieben war jeder sein eigener Lehrmeister. Die Väter waren Küfermeister, Schlossermeister, Apotheker, Gastwirt, Pfarrer, Schulmeister. Die Mütter trugen das besinnliche entschlossene Wesen ihres schwäbischen Volkstums in sich und gaben es an die Söhne und Töchter weiter.
So verstehen wir, daß Theodor Heuß die Sieben als eine Einheit empfand und auch wir sie so empfinden, obwohl jeder und jede von den andern verschieden war und geblieben ist, wie wir es eben bei uns gewohnt sind, wo aus dem Volke Eigenbrötler und Käuze, Philosophen und Spintisierer, Diftele und Gescheitle hervorgehen und in ihrer Art versuchen, die Schöpfungsidee Gottes zu übertrumpfen. -

Es ist bemerkenswert, daß dieses Buch von Heilbronn ausging, wo der alte kecke reichsstädtische Unternehmungsgeist sich damals wieder mächtig zu regen begann! Immer, wenn man derartigen Erscheinungen nachspürt, stößt man auf Männer, von denen Kraft und Geist und Wille ausgeht. Es war das Jahr, nachdem Ernst Jäckh seinen abenteuerlichen Ritt durch Albanien machte, aus dem nachher die deutschtürkische Freundschaft hervorging. "Pascha Jäckh'" Theodor Heuß war sein Nachfolger an der Neckar-Zeitung - freilich nur auf wenige Jahre, ehe er seinen Weg antrat. Im kann nicht an die Begegnung mit diesen Männern denken, ohne daß Peter Bruckmann in den Kreis hereintritt. Hat er den Neckarkanal erfunden? Oder hat er ihn gemacht? Lieber Leser, verzeih!, wenn ich an Peter Bruckmann komme, dann geht mir's wie dem Mann, der wollte von einer Apfelsorte erzählen und fing mit dem Baum an und . . . "Vergiß Deine Rede nicht!" sagt man da bei uns, "Du wolltest doch von dem Buch reden!" Ja, die "Sieben" waren sieben Aufrechte. Um das richtig zu verstehen, kann man rasch etwas bei Gottfried Keller nachlesen. Sie werden nicht unter den "Sternen" genannt, die das Verlagsgeschäft gesichert haben und zum Wahrzeichen der Bildung geworden sind. "Bodenständig" habe im gesagt - gewiß, im Idyllischen liegt ihre Meisterschaft!
Ich habe sie alle persönlich gekannt; nur mit Hermann Hesse, der über alle anderen hinausgewachsen ist, hat es sich nicht geschickt, daß ich mit ihm hätte ein Glas Wein trinken können - nicht reden. Es wäre nicht nötig gewesen.

Das Drachenhus auf Göhren, von Max Dreyer erbaut.Einmal nur traf ich persönlich Cäsar Flaischlen. Er bestellte mich in die Alte Post. Und als wir nach vielen Stunden auseinandergingen, kannten wir uns genau, was ja bei ihm und mir sich leicht und ohne Zutun im Unterbewußtsein vollzog.
Er gehörte zu dem Kreis um den jüngeren Hauptmann in Berlin. Max Dreyer, mit dem ich mich später anfreundete, hat ihn sehr geliebt, den Mann und den Dichter und wenn er mir so offen entgegenkam, lag das gewiß an der guten Erfahrung, die er mit ihm gemacht hatte.

Daß Cäsar bei uns im Literarischen Club in Erinnerung blieb, dafür sorgten seine Schwester und sein Schwager, die keine Zusammenkunft verfehlten, und wo kein neu Hinzukommender der Sentenz entgehen konnte: "Mein Schwager ist der berühmteste Dichter von Deutschland!" Ach, er selber wollte das gar nicht sein, dazu war er viel zu gescheit. Nicht jeder hat soviel Geltung bei seinen Blutsverwandten. - - -

Mit Heinrich Lilienfein, dem Generalsekretär der Deutschen Schiller-Stiftung in Weimar, hatte ich das herzlichste Verhältnis, das offenste, was uns mit Männern geschenkt werden kann. Es war gewiß die persönliche Zuneigung, die zwei eben für einander haben oder nicht haben; aber es war bei beiden die fast ausschließliche Neigung zum humanistischen Bildungsgut. Er wußte es, fast nur er allein wußte es, daß meine Freude an der Mundart ein Stück dieser leidenschaftlichen Liebe war. - Im will nicht von der Erinnerung an ihn weggehen, ohne zu sagen, daß seine kleinen Novellen um Schiller, so die letzte Begegnung mit Charlotte v. Kalb, zum Besten und Schönsten gehören, was unsere Literatur in dieser Art besitzt.

Über Theodor Heuß selber etwas zu sagen, steht mir nicht zu. Daß er vom Wesen seiner "Sieben" die Quintessenz in sich hat, das darf man annehmen, sonst hätte er ja nicht die Auswahl treffen können. Was ich darunter verstehe? Quintessenz ist die fünfte Form, nämlich die im Geist sich offenbarende Natur; Platon würde sagen "die Idee", Kant "das Ding an sich", viel einfacher und ganz treffend ist unser schlichtes Wort "Sinn", das in geradezu einzigartiger Weise den Zusammenhang mit der Sinnenwelt herstellt.

Es war 1913 oder vor dem Krieg 1914, als er bei Salzer in Heilbronn auf Besuch war. Zufällig kam Theodor Heuß herüber in das ihm befreundete Haus. Er war schon damals, wo er hinkam, der Mittelpunkt. Und es war schon damals so, daß alle auf ihn horchten. Es kam zu ein paar Bemerkungen wegen meiner gelegentlichen Mitarbeit an seiner Zeitung, die ja schon auf das Jahr 1905 zurückreichte. Dann erzählte er - was, das weiß ich nimmer. Aber es ist mir unvergeßlich, wie er wie im Spiel die Worte wählte und die Sätze baute. Man spürte, wie es ihm selber Freude machte, das an sich wenig Wichtige durch die Form und das gewählte Wort wichtig und bedeutend zu machen. Es ist mir unvergeßlich. Dabei rauchte er, ich glaube, es war eine Virginia, die auch bei ihm oft ausging und angezündet werden mußte; die Zündhölzer ließ er, wie seine Worte, nur kurz aufflammen und baute damit eine kleine Pyramide auf dem Aschenbecher, so, wie die Küfer ihre Faßdauben aufstellen. Es war schon ein kleiner Turm, als im durch eine Ungeschicklichkeit das Gebäude umstieß! "Schade", sagte er, "ich wollte es gerade anzünden und ein Feuerwerk machen!" Ja, er hätte mit einem solchen Feuerwerk seine Rede gern abgeschlossen - nun hörte er plötzlich auf, verabschiedete sich freundlich, auch von mir, obwohl ich ihm die Freude verdorben hatte.

Warum im dieses belanglose Erlebnis erzähle? Weil es für mich nicht belanglos war, weil es mir wichtig wurde! Ja, im muß es beim Sprechen, bei der Rede machen wie Th. H. bei der Virginia: Feuer muß da sein, wenn es brennen soll, immer wieder neues Feuer. Und die zündenden Gedanken müssen aufeinander gebaut werden, zu einer Pyramide! Und nachher, wenn ich zum Schluß komme, muß im dann alles zusammen aufflammen lassen zu einem kleinen Feuerwerk, nicht mit Neuem, sondern nur mit dem bereits Gebrauchten! Ich habe später die Reden und die Aufsätze von Theodor Heuß sorgfältig auf den Aufbau geprüft und darin das System der Pyramide überall wieder gefunden - ob er bewußt so baut oder aus seiner Natur heraus das Richtige tut, das weiß im nicht. Ich weiß nur, daß ich daraus gelernt habe. Auch daß mir das Erlebnis zu einem Gleichnis wurde, wie wichtig doch die unwichtigen und unscheinbaren Dinge werden können, wenn man sie zur Berichterstattung zuläßt. " ...